Béla Rothenbühler – Verirren Üben

Ich baue eine Geschich­te, erst von Hand auf Papier, dann tip­pe ich das Geschrie­be­ne ab und ver­wen­de das vol­le Papier zum Anfeu­ern. Ich tip­pe und lösche, ich strei­che und schie­be, ich boh­re in der Nase, ich mache mir Tee, ich lege ein Scheit nach, dann schrei­be ich weiter.

Übers Schrei­ben schrei­ben: Weni­ges ist lang­wei­li­ger, sowohl für den Schrei­ber­ling als auch für die Lese­rin, ich ver­su­che es zu ver­mei­den. Ich ver­su­che es sogar hier zu ver­mei­den, obwohl ich in Fau­co­gney fast nichts ande­res getan habe. 

Nur noch so viel dazu: Ich war fleis­sig. Mein zwei­ter Roman ist nicht fer­tig, aber fast. Ob er gut ist, wer­de ich sagen kön­nen, wenn ich ihn dann gele­sen hab. 

Span­nen­der als mei­ne Arbeit sind aber eh mei­ne Arbeits­pau­sen. Wenig­stens jene, in denen ich das Ver­ir­ren geübt habe: Eine schö­ne und wich­ti­ge Kunst, und im Gegen­satz zum Schrei­ben eine, von der man erzäh­len kann und will. 

Man zieht dafür sei­ne häss­li­chen, aber tritt­fe­sten Schu­he an, füllt eine Was­ser­fla­sche und begibt sich in einen belie­bi­gen Teil des Wal­des über Fau­co­gney. Man wählt bei der ersten sich bie­ten­den Gele­gen­heit einen Weg, den man noch nie ein­ge­schla­gen hat, man folgt ihm, man blickt nicht zurück. Man folgt ihm an Tei­chen vor­bei, kreuzt die Bäche, rastet und raucht auf Baum­stümp­fen, man mei­det Stel­len mit Aus- oder Über­blick. Fin­det man eine Stel­le wie­der, die man schon kennt, ist man geschei­tert. Man hat sich nicht verirrt. 

Gelingt es aber, wäh­rend Stun­den in unbe­kann­ten Wald­tei­len umher­zu­ir­ren, bis man die unge­fäh­re Rich­tung, in der Dorf und Vil­la lie­gen, nicht mal nen­nen könn­te, wenn man woll­te, hat man es geschafft. Man ist voll­kom­men ver­lo­ren, man hat sich ver­irrt. Man kostet die Unsi­cher­heit, die bei nahen­der Däm­me­rung beson­ders köst­lich ist, in vol­len Zügen. Man ergötzt sich am Auf­stel­len der eige­nen Nacken­haa­re, man labt sich an der auf­kom­men­den Panik, man hält die Ver­irrt­heit aus, solan­ge man kann, dann nimmt man mit­ten im Nir­gend­wo zäh­ne­knir­schend die Hil­fe von Goog­le Maps in Anspruch, die man anson­sten boy­kot­tiert, weil man nicht geor­tet wer­den will von den Fickern, und macht sich auf den Heim­weg. Die erste Ziga­ret­te beim Wie­der­ein­tre­ten in bekann­te Wald­tei­le ist köstlich.

Ich habe das Ver­ir­ren jeden Tag geübt und bin mei­stens geschei­tert. Beson­ders, da das Ver­ir­ren eine Kunst ist, die mit der Übung schwie­ri­ger wird. Oder min­de­stens zeit­in­ten­si­ver. Trotz­dem wer­de ich das Ver­ir­ren wei­ter üben. An weni­gen Orten ist es so schön und funk­tio­niert es so gut wie in Fau­co­gney. Vie­len herz­li­chen Dank an alle, die mir die­se fünf Übungs­wo­chen ermög­licht haben, ich wer­de sie in bester Erin­ne­rung halten. 

Herz­lich, 

Béla

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