Das Departement heißt Haute-Saône oder 1000 Seen und es fühlt sich an, als würde es sich innerhalb Frankreichs verstecken, hier ist kaum wer unterwegs, die Straßen sind leer, die Hügel sind üppig und bewaldet, hinter jedem Hügel liegt ein See, wir reden über Twilight und die Teletubbies.
Mit dem Rennrad fahre ich durch die Gegend, begegne nur selten Menschen, ich sehe Schlangen, Rehe, Hasen, Kühe. Die Landschaft breitet sich in mir aus.
Ich lese morgens am Bach. Ich lese morgens im Bett. Eine Katze wandert über den Dachfirst am Nachbarhaus.
Immer wieder denke ich über Zeit nach, bin genervt davon wie sehr sie sich hier ausdehnt. Ich schreibe und wenn ich nicht schreiben kann, zeichne oder lese oder puzzle ich oder liege mit dem Rücken auf dem Holzboden in der Grange, ich drehe den Kopf und sehe die verendeten Bienenkörper auf dem Boden, ich sehe den Staub fallen, ich fühle mich unnütz und auf mich zurückgeworfen. Ich fühle mich wie in einer Art Parallelwelt. Wahrscheinlich hatte ich mir genau das erhofft.
Nachdem wir bereits Wochen dort sind klingelt ein Nachbar, den ich vorher noch nie gesehen habe, er bringt einen Strauß Rosen in einer leeren Erdnussdose, er fragt nach Nicolas, erzählt, dass er vom Aussterben bedrohte Rosensorten züchte, erzählt, dass er eine Dissertation schreibe über die Theologie der Pflanzen.
Zwei ältere Männer klingeln, ihr Jeep steht vor der Tür, der Motor läuft, sie fragen nach Natron, sie wollen Laugenbrötchen backen, ob ich eine Bäckerei wisse, sie seien schon zwei Dörfer abgefahren, ich sage, sie sollen reinkommen.
Sophie Jane steht eines Abends mit drei Männern in unserer Küche, sie sind neugierig, wer aktuell in der Residenz ist und fragen, wann wir eine Ausstellung machen. Sophie Jane lacht die ganze Zeit ein raues Lachen. Sophie Jane sehen wir fortan fast jede Woche.
Wir gehen auf jedes einzelne Dorffest, jeden Donnerstag zum Markt. Wir lernen das halbe Dorf kennen.
Ich werde misgendert, ich werde als Mann des Hauses, als guter Ehemann bezeichnet, ich werde als lesbisch gelesen, ich werde nicht beachtet, ich erzeuge Verwirrung.
Wir essen gemeinsam, abends, immer eine Person kocht. Wir essen in der Küche, auf der Straße vor dem Haus, am See. Wir erzählen über unsere Arbeit, über Ziegen, über Geldprobleme, über unser Begehren, übers Klauen, übers Ausruhen, über unsere Familien und Freund*innen. Als wir damit fertig sind sprechen wir über alle anderen Leute. Wir warten auf einen Sturm, der angekündigt ist und sind enttäuscht, als er verhältnismäßig milde ausfällt.
Wir spinnen unsere eigene Version davon, dass eigentlich alle im Dorf queer sein müssen, davon, wie eine*r sich in einen der Dorfbewohner*innen verliebt und in Faucogney bleibt, davon, was wir mit den Millionen machen, die eine*r von uns hoffentlich verdienen wird. Wir sind überzeugt und verzaubert von einer Dynamik, in der wir regelmäßig am Boden liegen vor Lachen. Wir verlassen die Residenz für unterschiedlich lange Zeiträume und merken, dass die Dynamik nicht die ganze Wahrheit war.
Wir streiten uns. Wir gehen uns aus dem Weg. Wir konzentrieren uns aufeinander. Wir konfrontieren uns miteinander. Wir gehen uns aus dem Weg. Immer wenn ich selbstgefällig denke, ich hätte die anderen verstanden, werde ich überrascht.
Wir haben unterschiedliche Ansätze zu arbeiten, wir haben unterschiedliche Arbeitszeiten und unterschiedliche Voraussetzungen. Wir besuchen uns in unseren Ateliers, wir verstecken uns voreinander, wir gehen getrennt spazieren, wir bekommen Besuch, uns ist anzusehen, wie sehr wir uns nach anderen Menschen sehnen, wir treffen uns auf einer Anhöhe bei St. Colomban, wir werden als zu intensiv bezeichnet, wir triumphieren.


