Fred Heinemann – Intensive Tage

Das Depar­te­ment heißt Hau­te-Saô­ne oder 1000 Seen und es fühlt sich an, als wür­de es sich inner­halb Frank­reichs ver­stecken, hier ist kaum wer unter­wegs, die Stra­ßen sind leer, die Hügel sind üppig und bewal­det, hin­ter jedem Hügel liegt ein See, wir reden über Twilight und die Teletubbies. 

Mit dem Renn­rad fah­re ich durch die Gegend, begeg­ne nur sel­ten Men­schen, ich sehe Schlan­gen, Rehe, Hasen, Kühe. Die Land­schaft brei­tet sich in mir aus. 

Ich lese mor­gens am Bach. Ich lese mor­gens im Bett. Eine Kat­ze wan­dert über den Dach­first am Nachbarhaus. 

Immer wie­der den­ke ich über Zeit nach, bin genervt davon wie sehr sie sich hier aus­dehnt. Ich schrei­be und wenn ich nicht schrei­ben kann, zeich­ne oder lese oder puz­zle ich oder lie­ge mit dem Rücken auf dem Holz­bo­den in der Gran­ge, ich dre­he den Kopf und sehe die ver­en­de­ten Bie­nen­kör­per auf dem Boden, ich sehe den Staub fal­len, ich füh­le mich unnütz und auf mich zurück­ge­wor­fen. Ich füh­le mich wie in einer Art Par­al­lel­welt. Wahr­schein­lich hat­te ich mir genau das erhofft. 

Nach­dem wir bereits Wochen dort sind klin­gelt ein Nach­bar, den ich vor­her noch nie gese­hen habe, er bringt einen Strauß Rosen in einer lee­ren Erd­nuss­do­se, er fragt nach Nico­las, erzählt, dass er vom Aus­ster­ben bedroh­te Rosen­sor­ten züch­te, erzählt, dass er eine Dis­ser­ta­ti­on schrei­be über die Theo­lo­gie der Pflanzen. 

Zwei älte­re Män­ner klin­geln, ihr Jeep steht vor der Tür, der Motor läuft, sie fra­gen nach Natron, sie wol­len Lau­gen­bröt­chen backen, ob ich eine Bäcke­rei wis­se, sie sei­en schon zwei Dör­fer abge­fah­ren, ich sage, sie sol­len reinkommen. 

Sophie Jane steht eines Abends mit drei Män­nern in unse­rer Küche, sie sind neu­gie­rig, wer aktu­ell in der Resi­denz ist und fra­gen, wann wir eine Aus­stel­lung machen. Sophie Jane lacht die gan­ze Zeit ein rau­es Lachen. Sophie Jane sehen wir fort­an fast jede Woche. 

Wir gehen auf jedes ein­zel­ne Dorf­fest, jeden Don­ners­tag zum Markt. Wir ler­nen das hal­be Dorf kennen. 

Ich wer­de mis­gen­dert, ich wer­de als Mann des Hau­ses, als guter Ehe­mann bezeich­net, ich wer­de als les­bisch gele­sen, ich wer­de nicht beach­tet, ich erzeu­ge Verwirrung. 

Wir essen gemein­sam, abends, immer eine Per­son kocht. Wir essen in der Küche, auf der Stra­ße vor dem Haus, am See. Wir erzäh­len über unse­re Arbeit, über Zie­gen, über Geld­pro­ble­me, über unser Begeh­ren, übers Klau­en, übers Aus­ru­hen, über unse­re Fami­li­en und Freund*innen. Als wir damit fer­tig sind spre­chen wir über alle ande­ren Leu­te. Wir war­ten auf einen Sturm, der ange­kün­digt ist und sind ent­täuscht, als er ver­hält­nis­mä­ßig mil­de ausfällt. 

Wir spin­nen unse­re eige­ne Ver­si­on davon, dass eigent­lich alle im Dorf que­er sein müs­sen, davon, wie eine*r sich in einen der Dorfbewohner*innen ver­liebt und in Fau­co­gney bleibt, davon, was wir mit den Mil­lio­nen machen, die eine*r von uns hof­fent­lich ver­die­nen wird. Wir sind über­zeugt und ver­zau­bert von einer Dyna­mik, in der wir regel­mä­ßig am Boden lie­gen vor Lachen. Wir ver­las­sen die Resi­denz für unter­schied­lich lan­ge Zeit­räu­me und mer­ken, dass die Dyna­mik nicht die gan­ze Wahr­heit war. 

Wir strei­ten uns. Wir gehen uns aus dem Weg. Wir kon­zen­trie­ren uns auf­ein­an­der. Wir kon­fron­tie­ren uns mit­ein­an­der. Wir gehen uns aus dem Weg. Immer wenn ich selbst­ge­fäl­lig den­ke, ich hät­te die ande­ren ver­stan­den, wer­de ich überrascht. 

Wir haben unter­schied­li­che Ansät­ze zu arbei­ten, wir haben unter­schied­li­che Arbeits­zei­ten und unter­schied­li­che Vor­aus­set­zun­gen. Wir besu­chen uns in unse­ren Ate­liers, wir ver­stecken uns vor­ein­an­der, wir gehen getrennt spa­zie­ren, wir bekom­men Besuch, uns ist anzu­se­hen, wie sehr wir uns nach ande­ren Men­schen seh­nen, wir tref­fen uns auf einer Anhö­he bei St. Colom­ban, wir wer­den als zu inten­siv bezeich­net, wir triumphieren.